…die neue Seuche, die momentan anscheinend umgeht, nennt sich: „Amtsmüdigkeit“! (Dieses Wort hat sich bei mir mittlerweile einen Spitzenplatz für das Unwort der Jahres 2010 gesichert.)
Horst Köhler, Roland Koch, jüngst Ole von Beust und Theo Zwanziger kokettiert jetzt auch mit diesem neuen Modetrend, aber das ist wahrscheinlich nur seine Art von „fishing for compliments“…bleiben wir also mal bei den Politikern.
Da werden Leute vom Volk bzw. der Nationalversammlung für eine volle Amtszeit wiedergewählt, doch dann werden sie nach kurzer Zeit von einer politischen Tsetsefliege gestochen und können oder wollen daraufhin ihr Amt nicht weiter ausüben. Gut, böse Zungen mögen jetzt behaupten, dass die schwarz-gelbe Koalition sich schon seit Regierungsbeginn im fortgeschrittenen Stadium der Schlafkrankheit befindet (-> Symptome: Verwirrtheit, Koordinationsstörungen, Dämmerzustand), aber das wäre ja richtig fies, sowas zu behaupten…
Zurück zu unseren Protagonisten!
Diese drei genannten Politiker stehen schon mitunter seit etlichen Jahren im politischen Leben. Sie haben schon einiges an Kritik, Spott und Hähme abbekommen. Man sollte meinen, dass einen da nichts mehr erschüttern sollte. Trotzdem kommen sie auf einmal auf die Idee, dass sie sich aus der Politik zurückziehen, weil sie entweder den Respekt gegenüber ihres Amtes vermissen, ihnen ein lukratives Angebot aus der Wirtschaft vorliegt (Mutmaßung 1) oder weil ihnen die Begeisterung fehlt, dieses Volk zu regieren (Mutmaßung 2).
Nehmen wir Horst Köhler.
Er war nun nicht gerade einer der charismatischsten Staatsoberhäupter dieser Republik. Er war vielmehr die graue Maus im Schloss Bellevue. Aber immerhin eine graue Maus, die anscheinend trotzdem gern von vielen Deutschen gestreichelt wurde. Kein großer Redner, aber dennoch akzeptiert als oberster Repräsentant der BRD.
Dann kamen seine ungelenken Aussagen zum Afghanistankrieg (-konflikt?/ -krise?/ humanitärer Einsatz mit schweren Waffen? Wie war noch die genaue Bezeichnung?) und plötzlich sah sich unser Oberhorst zum Spielball der Medien degradiert und zog sich wegen mangelnden Respekt vor dem höchsten Amt im Staat von selbigem zurück.
Warum noch mal?
Weil man es gewagt hat, ihn aufgrund seiner Äußerungen zurecht zu kritisieren?
Oder weil man medial schon lange darauf gewartet hat, ihn zum Abschuss freizugeben?
Seinen Abgang mit bereits gesagten Grund zu titulieren und dann in so einer Art und Weise aus diesem Amt zu scheiden, widerspricht sich eigentlich, aber im Endeffekt war es doch ein Win-Win-Effekt für beide Seiten – Medien und Köhler. Die einen hatten ihr kleines Skandälchen, der andere seinen Abgang und wir haben Wulff. Was das schlimmste ist, darüber darf immer noch frei spekuliert werden.
Was war jetzt mit Roland Koch?
Politik sei nicht sein Leben, hat er verlautbart. Dafür hat er dieses Leben aber lang genug geführt – für einige vielleicht zu lang.
Auch er wurde wiedergewählt und trat daraufhin nach kurzer Zeit zurück. Er hatte es aber auch nicht leicht: Spendenskandale, Ausländerdebatte, bei Ministerposten übergangen, ganz schlechtes Image; er kann einem fast schon leid tun. Da kämpft sich einer durch alle Widrigkeiten, verpasst ein paar Mal den passenden Zeitpunkt zum geeigneten Rücktritt, um dann diesen unvermittelt doch zu vollziehen.
In das kurze Aufstöhnen (vor Schreck/ Erleichterung/ außer Atem, weil alle Luft beim Jubeln verbraucht wurde) dringt gleich die Angst vor dem ein, was passieren kann, wenn dieser Mann wirklich in die freie Wirtschaft wechseln sollte. Nirgendwo kann man schwerwiegendere Fehler begehen, als unkontrolliert auf dem Wirtschaftssektor. Roland Koch lässt sich jetzt endgültig von der Leine und nur die Zeit kann zeigen, was passiert, wenn die marktwirtschaftlichen Tore der Hölle geöffnet werden.
Und Ole von Beust?
Da war nun jemand in Hamburg, der der CDU wieder ein wenig von diesem „von“-Flair hätte geben können. Noch dazu hatte man ein schönes Pendant zu Herrn Wowereit in Berlin. Aber irgendwie hat es nicht sollen sein.
Seine Politik ist mir als Süddeutscher nun leider nicht so geläufig, dazu ist man einfach zu weit von Hamburg entfernt – vor allem im fränkischen Teil Bayerns. Dennoch wirkte dieser Mann immer wie ein Überbleibsel aus der guten Zeit der CDU, den man sich eigentlich auch gut als Bundespräsident hätte vorstellen können – nur um noch mal das „von“-Flair-Prinzip aufzugreifen. Nun hat also auch ihn dieses Fieber gepackt. Auch er wird sich zwei Jahre nach seiner Wiederwahl aus dem Amt zurückziehen, für das er von den Hamburgern auserkoren wurde. Selbstverständlich unabhängig vom schulpolitischen Volksentscheid! Die Verantwortung für die letzten neun Jahre darf nun also auf die zweite Riege abgeladen werden. Schauen wir mal, wie lange Herr Ahlhaus braucht, bis er diesem Trend verfällt.
Modetrend Amtsmüdigkeit
Mittlerweile hat dieses Phänomen ja auch höchste Sportfunktionäre erreicht. Theo Zwanziger möchte nach einer durchaus gelungenen WM und einigen medialen Faux-pas im Umgang mit dem höchsten Trainerstab des Landes auf eine weitere Amtszeit verzichten – natürlich wegen Amtsmüdigkeit. Was hätte er auch noch spannendes als DFB-Präsident zu erwarten? Eine Herrenmannschaft, die in dieser Konstellation größtenteils noch gut und gerne zwei Welt- und Europameisterschaften bestreiten kann? Die Frage, ob sie das auch mit dem Trainerstab macht, der diese Mannschaft geformt hat? Klingt ja nicht wirklich spannend.
Vielleicht tritt unser König ohne Volk, wie ihn der SPIEGEL getauft wirklich nicht mehr an. Was dann? Uli Hoeneß wäre doch jetzt wieder frei. Und wenn Jogi Löw keine Lust mehr auf die Nationalmannschaft, bzw. den DFB hat, bliebe immer noch Otto Rehhagel. Da stellt sich mir nur die Frage: Wer spielt hier eigentlich noch mit Libero? Außer Angela Merkel natürlich…

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